Aufsuchen


Ein bekanntes Bild: Während der eine innerhalb weniger Sekunden ein Objekt in seinem Fernrohr einstellt, quält sich der andere eine halbe Ewigkeit mit dem Aufsuchen herum. Gerade dem Einsteiger nützt das beste Fernrohr und die klarste Nacht nichts, wenn er die Objekte am Himmel nicht findet. Für ein rasches und erfolgreiches Aufsuchen ist nichts wichtiger als eine gründliche Kenntnis des "Jagdgebietes". Deep-Sky-Beobachter - egal ob Neulinge oder "alte Hasen" - sollten die Lage der Sternbilder am Himmel kennen. Das klingt banal, ist es aber nicht. Je vertrauter der Sternenhimmel ist, umso leichter fällt das Aufsuchen.

Darüber hinaus sollte man lernen, zumindest die hellsten Messier-Objekte auch ohne Atlas zu finden. Der eigentliche Aufsuchvorgang mit dem Fernrohr folgt drei wesenlichen Schritten:

- Peilen 
- Einstellen am Sucherfernrohr 
- Einstellen am Hauptrohr 

Es bleibt natürlich jedem überlassen, wie er beim Aufsuchen vorgeht. Dennoch sollten Anfänger wissen, daß man gerade bei diesem scheinbar simplen Vorgang vieles unnötig falsch machen kann. Das kann schließlich dazu führen, daß der Neuling den Spaß an der Beobachtung schnell wieder verliert. Schon die Art der Fernrohrmontierung - parallaktisch oder azimutal - bestimmt über das "Aufsuchverhalten" des Sternfreundes. Koordinateneinstellung ist zwar ungemein praktisch, erfordert aber eine genaue Ausrichtung der Polachse. Wer darauf nicht verzichten will, kann sich zumindest die Rechnerei mit der Sternzeit sparen, in dem er das gesuchte Objekt nur nach der Deklination einstellt. Danach muß er das Fernrohr lediglich in Rektaszension bewegen, bis er fündig wird. Natürlich gibt es Amateure, die das alles lieber per Knopfdruck besorgen. Doch man kann es auch anders sehen: Es ist eine Zeremonie, die einfach dazu gehört. Wäre Deep Sky nicht um einiges ärmer, wenn wir die Freude über das nach systematischer Suche endlich gefundene Objekt dem Computer überließen?

Peilsucher

Das Peilen am Fernrohr, wie in der guten alten Zeit üblich, haben sich die meisten Fernrohrbesitzer dank moderner Aufsuchhilfen weitgehend abgewöhnt. Dieser erste Schritt ist essentiell für das anschließende Einstellen im Sucherfernrohr. Mit einem Refraktor oder Schmidt-Cassegrain ist der Peilvorgang einfach, da man sich nicht vom Okular zu entfernen braucht. Newtons sollten über zwei markante Punkte am Fernrohrtubus verfügen, über die ein mit dem bIoBen Auge sichtbarer Stern oder eine markante Sterngruppe in der Nähe des gesuchten Objekts anvisiert werden kann. Unter einem genügend dunklen Himmel wird man niemals in die Situation geraten, keine Orientierungs- oder Leitsterne in der Vmgebung eines beliebigen Objekts zu finden. Eine ungemein praktische Peilvorrichtung besteht aus einem schlichten Papp- oder Metallrohr, das parallel zum Hauptrohr ausgerichtet ist. Man kann sich auch einen Peilsucher bauen, der wie ein MG-Visier funktioniert: ein großer Ring mit Drahtkreuz am oberen Ende des Tubus und ein kleinerer als Einblick am unteren Ende.

Abb. 1: Einfache Peilvorrichtung aus einem dünnen Metallrohr und einer ausrangierten Sucherhalterung


Telrad

Der moderne Peilsucher heißt "Telrad-Finder" - jenes schwarze Rechteck, das inzwischen an nahezu jedem Fernrohr klebt. Eine rote Leuchtdiode projiziert drei konzentrische Kreise auf eine Glasscheibe, so daß der Beobachter erkennen kann, wohin das Fernrohr zeigt. Die Vorteile: Der Einblick ist parallaxefrei und die Peilgenauigkeit liegt innerhalb jedes Sucherfernrohrs. Außerdem erlaubt die Einteilung der Kreise in 4°, 2° und 0°,5 die grobe Abschätzung von Sternabständen. Aber: Je größer der Abstand zwischen Auge und Telrad, um so schlechter erkennt man die Zielkreise auf der Glasscheibe. Man muß also schon ziemlich dicht hinter dem Kasten stehen, um noch alle drei Kreise zu sehen. Die Helligkeit der Leuchtkreise wird über einen Poti geregelt. Mit anderen Worten: die schwächste Einstellung liegt zwischen "hell" und "aus". Etwas besser wird es durch ein elektronisches Zusatzteil, das die Zielkreise blinken läßt. Dennoch stößt der Telrad an seine Grenzen, wenn es in der Nähe des Objekts keine helleren Sterne gibt. Daher kann er ein gutes Sucherfernrohr nicht ersetzen.


Sucherfernrohr 

Oftmals wird bei lichtstarken Teleskopen auf die Anbringung von Sucherfernrohren verzichtet; es gilt die Ansicht, daß die mit dem Fernrohr erzielbaren Gesichtsfelder für eine Sucherfunktion ausreichen. Beträgt das Gesichtsfeld aber weniger als 3°, kann der Aufsuchvorgang mit dem Hauptrohr sehr frustrierend enden. Spätestens dann geht es nicht mehr ohne Sucherfernrohr. Es sollte nach Möglichkeit in der Nähe des Hauptrohr-Okulars angebracht sein, damit ein rascher Wechsel zwischen Sucher und Hauptrohr möglich ist. Prinzipiell gilt, daß die Öffnung des Suchers nicht groß genug sein kann, wenn man eine hohe Grenzgröße erreichen will. Zudem erscheinen die meisten Messier-Objekte erst ab ca. 5 cm Öffnung (z. B. 8×50) direkt im Sucherfernrohr. 6×30-Sucher sind bei kleinen Geräten noch akzeptabel, wenn sie ein Feld von mindestens 3° erreichen. Noch kleinere "Sucher" taugen bestenfalls als "Griff zum...". Das Optimum sind kleine kurzbrennweitige Refraktoren oder Spektive, die verschiedene Gesichtsfelder (> 4°) zulassen. Der Autor benutzt solche Sucher mit 8 cm Öffnung. Sehr hilfreich für das Aufsuchen mit dem Sternatlas sind Folien mit aufgezeichneten Gesichtsfeldkreisen im Kartenmaßstab, ähnlich wie es sie für den Telrad gibt.


Bildorientierung im Sucher

Die Orientierung des Bildes im Sucherfernrohr ist ein sehr wichtiger Aspekt. Gerade für den Einsteiger ist eine Bildausrichtung wie mit dem bloßen Auge oder Fernglas sinnvoll, also aufrechtstehend und seitenrichtig. Der Vorteil ist, daß die Sterne aus der Richtung ins Sucherfeld driften, in die auch das Fernrohr geschwenkt wird. Zudem sieht man die Objekte genauso, wie sie im Atlas verzeichnet sind. Allerdings sind nur wenige Sucherfernrohre mit integrierten Umkehrlinsen versehen. Man erzielt diese Orientierung einfach mit einem Amici-Prisma (45°-Prisma), das im Gegensatz zum normalen Zenitprisma das Bild in beiden Achsen dreht. Beim Wechsel zwischen Sucherfeld und Hauptrohrfeld empfiehlt es sich, das Prisma herauszunehmen, um eine Übereinstimmung des Sucherbildes mit dem umgekehrten Bild im Okular herzustellen. Andernfalls muß man sich die Sternpositionen im Sucher genau einprägen. Hier ist etwas Übung und geometrisches Denken angesagt (z. B. Dreiecke bilden o. ä.).

Das Fernrohr als Sucher 

Die anschließende "Feinarbeit" mit einem Übersichtsokular am Hauptrohr ist im Grunde elementar. Speziell langbrennweitige 2"-Weitwinkelokulare eignen sich gut als "Sucher", da sich mit ihnen bei entsprechender Lichtstärke der Optik große Gesichtsfelder erzielen lassen. Der 8" f/5-Newton des Autors liefert mit solchen Okularen ein Feld von 2°,5 bei größtmöglicher Austrittspupille - zur Übersicht und Low-Power-Beobachtung mehr als genug, aber für eine Sucherfunktion schon nicht mehr zu gebrauchen. Mit zunehmender Öffnung wächst praktisch immer die Brennweite mit, so daß das Gesichtsfeld nur noch schrumpfen kann. Es lassen sich noch etwas größere Felder erzielen, wenn die Austrittspupille über das sinnvolle Maximum hinaus vergrößert wird. Sofern dies nur zum Aufsuchen und nicht zur Beobachtung praktiziert wird, sprecnen höchstens subjektive Gründe dagegen. Allerdings ist eine solche "Untervergrößerung" zwangsläufig mit einem Verlust an Öffnung verbunden, da der Großteil des vom Teleskop gesammelten Lichts gar nicht auf die Netzhaut gelangt. Ergo: Das Fernrohr, gleichgültig mit welcher Öffnung, spuckt nur noch die effektiv nutzbare Lichtmenge eines vielleicht halb so großen Geräts aus. Man sollte daher schon genau wissen, ob man sich das antun will - oder nicht lieber doch noch einen Blick durch den Sucher wirft.