Deep Sky aus der Stadt 

Die Frage nach dem optimalen Beobachtungsort, dem "observation site" schlechthin, bewegt wie kaum eine andere die Gemüter der beobachtenden Amateurastronomen. Sie hat sich als eine sehr persönliche herausgestellt, wie so vieles in unserem Hobby - die Qualität des Instruments, die maximale sinnvolle Austrittspupille oder das Für und Wider von Okularen und Nebelfiltern. Die Wahl des geeignetsten Beobachtungsplatzes ist, soviel steht fest, von den persönlichen Ansprüchen des Beobachters abhängig, und die sind oftmals recht hoch. Dunkel muß er sein, fern von jeglicher Lichtverschmutzung, möglichst auf dem Lande oder, besser noch, unter einem klaren Hochgebirgshimmel. Aber welche Möglichkeiten haben diejenigen, die ihr Teleskop in der Nähe von Großstädten aufstellen? Wie heißt es so schön in der Werbung: Deutschland ist klein, der Himmel ist hell...

Es steht außer Frage, daß die Beobachtungsliste unter Stadtbedingungen den nach Extremleistungen dürstenden "Schwachlichtspechtlern" die Tränen in die Augen treibt, da sie kaum über die auserlesene Schar der helleren Himmelsobjekte hinausgeht. Darüber hinaus kann man geteilter Meinung sein, ob solche Beobachtungen in Punkto Ästhetik und Genuß zufriedenstellend sind. 

Um Mißverständnissen vorzubeugen sei erwähnt, daß ich hier mit "Stadt" natürlich nicht die Frankfurter Zeil, die Düsseldorfer Kö oder den Hamburger Fischmarkt meine, sondern im engeren Sinne die nähere Umgebung von Städten oder deren Randzonen. So mancher schon soll Erstaunliches zustande gebracht haben, in Stadtnähe.

Mein Wohnort ist Darmstadt, also im Rhein-Main-Gebiet; eine der lichtverschmutztesten Gegenden der Erde, wie ich fast meine. Glücklicherweise geht diese "Natriumhochdrucksuppe", die auszulöffeln man hier auf Gedeih und Verderb genötigt wird, nahezu fließend (sic!) in eine der dunkelsten Gebiete Deutschlands, den Odenwald, über. In südöstlicher Richtung wartet diese wunderschöne Landschaft schon nach 30 Minuten Fahrtzeit mit einer ganzen Anzahl exzellenter "sites" auf, wovon ich auf zweien gewissermaßen meine "Duftmarke" hinterlassen habe. Der erste liegt in der Nähe der "Häuser" Neutsch (Ortschaft wäre übertrieben) und erlaubt an bis zu fünfzig Nächten im Jahr eine schier unerschöpfliche Vielfalt von Beobachtungen. So konnte ich hier am denkwürdigen vergangenen 20. Oktober mit einem Achtzöller bei fst 6m,6 (Pol) meine "Lyra-Durchmusterung" um ein halbes Dutzend Objekte erweitern. Am interessantesten war eine Begleitgalaxie von NGC 6692, die ich später als MCG+6-41-17 identifizieren konnte. Sie war derart auffaIlig, daß ich mich wundere, sie nicht schon früher gesehen zu haben [2]. 

Der zweite Standort setzt sogar noch eins drauf; er befindet sich in der äußerst dünn besiedelten Gegend um Würzberg/Breitenbuch, der "verlängerte Rücken" dieses Planeten, sozusagen. Hier sind Nächte mit alpinen 6m,8 keine Seltenheit. Allerdings nimmt die Fahrt zu diesem abgelegenen und friedlichen Ort satte eineinhalb Stunden in Anspruch.

Die Stadtbeobachtungen wurden hingegen an einem Ort gemacht, der mir lediglich eine "Reisezeit" von nachweislich gemessenen 10,2 Sekunden abverlangt - vom Balkon meiner Wohnung am südlichen Stadtrand von Darmstadt. 

Hier hält sich die Lichtverschmutzung im Vergleich zu anderen Stadtteilen in Grenzen. Freundlicherweise wird die Straßenbeleuchtung vom hiesigen Versorgungsunternehmen nach Mitternacht aus Kostengründen auf "Sparflamme" geschaltet, d. h. um ein Drittel reduziert, wodurch der milchstraßenlose Himmel ein wenig dunkler wird. Für meinen Balkon bedeutet das bestenfalls eine Grenzgröße um 5m, in seltenen Ausnahmefällen bis 5m,2. Also ein typischer "poor sky", wie es im Fachjargon heißt. Unter diesem Limit - wenn man feststellt, daß sogar die allerhellsten Objekte nach einem Nebelfilter schreien - sollte man gar nicht erst beginnen. Filter lindern zwar die Symptome der "Krankheit" Lichtverschmutzung, aber gute Durchsicht und hohe Grenzgröße sind einfach durch nichts zu ersetzen.

Was die Auswahl des Instruments betrifft, habe ich bei Stadtbeobachtungen mit einer kleineren oder mittleren Öffnung bessere Ergebnisse erzielt. Jeder Beobachter weiß, daß er unter ländlichen Bedingungen die verbleibende Hintergrundhelligkeit durch höhere Vergrößerungen reduzieren kann. Jedoch setzt das von der Stadt produzierte Seeing mit zunehmender Öffnung die sinnvolle Maximalvergrößerung empfindlich herab. Umgekehrt erlaubt die kleinere Öffnung höhere Vergrößerungen bei Luftunruhe. Ein größeres Problem stellt die unzureichende Dunkeladaption dar, da der Himmel auch nach dem Ende der astronomischen Dämmerung eine hohe Helligkeit beibehält. Die bittere Konsequenz davon ist, daß ich die maximale sinnvolle Austrittspupille von 7 - 8 cm nicht nutzen kann. Mit anderen Worten: Keine Chance für schwächere großflächige Nebel, wenn sie nicht von vornherein unter den Tisch fallen.

Ich habe drei ausgewählte "Showpieces" aus der Stadt heraus beobachtet und mit Beobachtungen, die in Neutsch bei fst 6m,4 (Pol) gemacht wurden, verglichen. Der Leser möge sein Augenmerk vor allem auf die Unterschiede in der Wahrnehmung von Details richten. Alle Beobachtungen mit 8" f/5-Newton:


M 51, Whirlpool-Galaxie 

M 51. Zeichnungen mit 8"-Newton, links aus der Stadt mit 83×, rechts vom Land bei 111×.

Die, wie mir viele beipflichten werden, schönste Galaxie des Himmels verliert unter Großstadtbedingungen alles, was dieses Objekt so reizvoll macht. Von der beeindruckenden Spiralstruktur, die auf dem Land bei 111× sogar direkt zu sehen war, bleibt nichts. Lediglich die Kernbereiche von M 51 und der Nachbargalaxie NGC 5195 sind als diffuse und zum Zentrum hin leicht heller werdende Schimmer erkennbar. Die angenehmste Vergrößerung war 83×, wobei das Wort "angenehm" in diesem Zusammenhang relativ ist.


NGC 6992-5, Cirrusnebel 

NGC 6992-5. Zeichnungen mit 8"-Newton, links aus der Stadt mit 41× und [OIII], rechts vom Land mit 28,5× und [OIII].

Wiederholte Versuche, dieses herrliche Objekt aus der Stadt heraus zu beobachten, führten stets zu dem gleichen ernüchternden Resultat: Hier entscheidet das [OIII]-Linenfilter unbestechlich zwischen Sehen und Nichtsehen. Da die maximal mögliche AP auf 5 cm (V = 41×) reduziert werden mußte, blieb der visuelle Eindruck kläglich, verglichen mit der überwältigenden Detailfülle, die der Ostteil des Cirrusnebels der selben Fernrohr/Filter-Kombination auf dem Land (bei 7 cm AP, 28,5×) offenbart. Wenn überhaupt, zeichneten sich wegen des aufgehellten Himmels nur die helleren "Fetzen" des SNR gegen den Himmelshintergrund ab. Aber immerhin war selbst unter derart lausigen Verhältnissen der Sichelbogen bei 52 Cyg andeutungsweise und indirekt zu erkennen, was durchaus zugunsten der Stadtbeobachtung (oder zugunsten des Linienfilters?) gewertet werden kann. Der Anblick war ernüchternd, aber nicht entmutigend. Der Crescent-Nebel NGC 6888 war hingegen nicht sichtbar [3].

NGC 7662, Blue Snowball 

NGC 7662. Links mit 8"-Newton aus der Stadt bei 100× und 142× und [OIII], rechts mit 12"-Newton bei 380× und 583× und  [OIII]-Filter.


Der Planetarische Nebel in Andromeda gehört zu meinen Lieblingsobjekten, da er im 8" und 12" unter einem sehr guten Himmel und bei extremer Vergrößerung eine deutliche Doppelringstruktur mit einem dunklen inneren Bereich zeigt. In Stadtnähe ist an High Power oder Very High Power nicht zu denken, der Kontrast kann schließlich nur noch abnehmen. Somit zeigte der PN im 8" trotz Filtereinsatz keinerlei Strukturen. Bei 100
× und 142× war indirekt ein kleiner diffuser, kreisrunder Nebelfleck zu sehen, der Zentralstem (12m,5) überhaupt nicht. Die in Neutsch mit dem 12" und [OIII]-Filter angefertigte Vergleichszeichnung (bis 583×) spricht Bände. Detailbeobachtungen bei derart hohen Vergrößerungen erfordern nunmal eine exzellente Transparenz des Himmels. 

Fazit 

Man kann sicherlich allem skeptisch gegenüber stehen, aber hinsichtlich der oben genannten Kriterien habe ich etwas hochgeschraubtere Ansprüche. Dem Grenzgrößenwahn anheimgefallen? Ja, durchaus. Natürlich ist eine Beobachtung unter Stadtbedingungen noch immer besser als überhaupt keine, aber für mich als engagierteren Beobachter kann es aus eben jenen Gründen der Ästhetik und des Genusses keine Alternative zu den Bedingungen in ländlichen Gebieten oder im Hochgebirge geben. Das bringt keineswegs nur Positives mit sich, zumal man für alles andere verdorben ist, sobald man einmal unter einem 7m-Himmel beobachtet hat.

Selbstverständlich haben viele von uns nicht die Möglichkeit und oftmals auch nicht die Zeit, um größere Fahrtstrecken zu dunklen Beobachtungsplätzen auf sich zu nehmen. Hier hat es sich als sinnvoll erwiesen, sich anderen Beobachtern anzuschließen. Man muß sich nur einmal umschauen, oftmals finden sich gute Beobachtungsbedingungen schon 20, 30 Kilometer jenseits der Stadtgrenzen, wovon auch die großartigen Beobachtungen aus Kreben zeugen, von denen öfters in interstellarum zu lesen ist.

Aber offenbar gerät hier wieder einmal die teuflische Frage der Beweisnot ins kosmische Getriebe. Einem "erfahrenen Amateurastronomen", der partout nicht glauben wollte, daß man Stephan's Quintet im Achtzöller sehen kann, mußte ich jüngst mit der berühmten "Römischen Regel" antworten: "Derjenige, der sagt 'Es geht nicht', soll den nicht stören, der es gerade tut". Insofern sprach mir das "Streulicht" in der vorletzten Ausgabe wahrlich aus dem Herzen. Aber das ist wohl wieder eine persönliche Frage, so wie die, ob man bei der Beobachtung aus der Stadt oder aus Stadtnähe auf seine Kosten kommt. Für mich selbst muß ich diese Frage entschieden verneinen.

Literatur:

[1] Scagell: Observer's Guide - City Astronomy, Sky Publishing, Cambridge 
[2] Domenico: Galaxienjagd in der Leier, interstellarum 4 (3/95) 
[3] Stoyan: Supernova-Reste visuell Teil 2, interstellarum 4 (3/95) 
[4] Burnham: Burnham's Celestial Handbook, Dover Publications, New York