Tour d'Abell 

Der bedeutendste Katalog von Planetarischen Nebeln ist der CGPN von L. Perek und L.
Kohoutek (Catalogue of Galactic Planetary Nebulae) aus dem Jahre 1967. In ihm sind 1036 gesicherte und vermutete PN nach galaktischen Koordinaten verzeichnet. Zusammen mit diversen Zusatzkatalogen ersetzt der CGPN die zahllosen Listen einzelner Beobachter, die jahrzehntelang für Verwirrung bei den Berufs- und Amateurastronomen sorgten. Hinzu kam 1992 der ESO Catalogue of Galactic Planetary Nebulae [1], der im Prinzip eine Erweiterung des CGPN darstellt und 1143 Objekte beinhaltet. Die Nomenklatur wurde weitgehend beibehalten, nur mit genaueren Zahlen. So sprang das Objekt PK 359-6.1 von der letzten Seite des CGPN durch die neue Bezeichnung PN G000.0-06.8 an die Spitze des ESO-Katalogs. Verständlicherweise werden in den meisten neueren Atlanten und Objektkatalogen der Einfachheit halber nach wie vor die PK-Nummern verwendet. 

Begibt man sich auf den Pfad der visuellen PN-Beobachtung, wird man rasch feststellen, daß diese Objekte sehr verschiedenartig sein können. Sie lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Zur ersten zählen die Objekte mit Durchmessern < 50" und entsprechend hohen Flächenhelligkeiten. Sie erscheinen in kleineren Instrumenten oder bei geringen Vergrößerungen (LP = Low Power) nahezu stellar oder als kleine Scheibchen, hin und wieder farbig oder von einem nebelhaften Schimmer umgeben. Für Detailbeobachtungen erfordern sie oftmals längere Brennweiten oder hohe bis sehr hohe Vergrößerungen (HP = High Power, VHP = Very High Power), d.h. 200× bis 600×, in einigen Fällen sogar bis über 700× - immer unter Berücksichtigung der Luftunruhe und der minimalen sinnvollen Austrittspupille (AP). 

Die zweite Kategorie von PN umfaßt die großflächigen Objekte, die bis annähernd Vollmonddurchmesser oder sogar darüber erreichen, wie z. B. der berühmte Helix-Nebel NGC 7293 im Wassermann. Für diese braucht man zumeist die instrumentelle Hardware von Gasnebel-Beobachtungen, sprich RFT's oder mit UHC- bzw. [OIII]-Filtern bestückte Großfeldstecher. Allerdings sind bei einer ganzen Reihe von PN die Emissionslinien des zweifach ionisierten Sauerstoffs [OIII] relativ schwach ausgeprägt. Hier wird man mit einem Schmalbandfilter bessere Ergebnisse erzielen als mit dem entsprechenden Linienfilter.

Besonders die Objektliste von George Abell hält für visuelle Beobachter eine Anzahl von interessanten, aber nicht immer ganz einfachen PN bereit. Abell 21 (PK 205+14.1), den "Medusa-Nebel", haben wir in i
nterstellarum [7] schon kennengelernt. Das Gros der Objekte zählt zur zweiten Kategorie, d. h. sie sind recht großflächig und "enttarnen" sich erst auf dem zweiten oder dritten Blick aus der Schwärze des Nachthimmels. Für eine erfolgreiche "Erstbeobachtung" sind daher vernünftige Sternkarten und Kataloge zu empfehlen. Das Spitzenmaterial aus Richmond - sprich Uranometria 2000.0 und DSFG [2] - steht auch hier außer Konkurrenz. Darüber hinaus erlauben Computerprogramme wie z. B.
TheSky oder GUIDE eine wesentlich größere Flexibilität im Kartenmaßstab. 

Für den Anfang wird es sinnvoll sein, sich auf solche Nebel zu beschränken, die sich in der Nähe von helleren Objekten befinden. Solche ausgedehnten PN, vor allem die "ganz fetten" über 10', vertragen keine sonderlich hohen Vergrößerungen. Zum Auffinden sind lichtsstarke Finder (es gibt keine "Sucher"...) oder LP-Gesichtsfelder (> 1°) anzuraten. Erfahrungsgemäß leistet das [OIII]-Filter gerade bei großer AP sehr gute Dienste. Dennoch ist entspanntes Sehen genauso wichtig wie eine gute Adaption. Es kann durchaus eine halbe Stunde oder länger dauern, bis man ein Objekt auch wahrnimmt. Es ist daher ratsam, sich durch häufigeren Okularwechsel der eindeutigen Sichtung zu vergewissern. Die helleren Abell-Objekte können bei größeren Öffnungen auch ohne Filter gesehen werden.

Ich habe eine kleine Auswahl im Laufe mehrerer Nächte (November 93 - März 94) bei fst 5m,7 bis 6m,3 mit 8" f/5 bzw. 12" f/7 beobachtet: 


A 10, Ori, (Kohoutek 1- 7), stellt zusammen mit A 12 bei einem Durchmesser von 0',6 gegenüber den meisten hier beschriebenen PN eine Ausnahme dar und ist ein typisches HP-Objekt. Man soffte sich keinesfalls von der in [2] angegebenen Gesamthelligkeit abschrecken lassen. Die Lichtintensität dieses PN entspricht zwar der eines Sterns 14. Größe, jedoch ergibt seine kompakte Größe eine relativ hohe Flächenhelligkeit, wodurch er bei 12" Öffnung auch schon ohne Filter aufgefunden werden konnte. Mit [OIII]-Filter erschien er bei 150× und 233× als ein ovaler, in der Mitte hellerer Lichtfleck. Noch höhere Vergrößerungen sind durchaus möglich.

A 12, Ori, wird man im U2000.0 vergeblich suchen, er steht auch nicht in [2], vielleicht wurde er von den Autoren als zu harte "Nuß" beurteilt. Ich stieß erst durch einen Bericht von "Urvater" Walter Scott Houston in [3] auf dieses Objekt. GUIDE 4.0 gibt als Helligkeit 13m,9 an, wobei das Programm bei schwächeren PN sehr zurückhaltend mit Beobachtungsdaten ist; insbesondere wird nicht zwischen visueller und photographischer Helligkeit unterschieden. [4] nennt dagegen als Gesamthelligkeit 12m,1 und als Flächenhelligkeit 11m,0. Mit Sicherheit ist A 12 für Photographen eine Herausforderung, denn er befindet sich nur 1' WNW von
m Ori - dem nächsthelleren Stern NNO von Beteigeuze. Auf langbelichteten Aufnahmen "ertrinkt" der kleine Nebel meist hoffnungslos im Lichtsaum des 4m,1 hellen Sterns [1]. Das CCD-Image in [4] zeigt den PN sehr viel deutlicher. Aber eindeutig im Vorteil ist hier wieder die visuelle Beobachtung: Sofern die Bedingungen HP zulassen, um das Objekt vom Strahlenkranz des Sterns zu trennen, zeigt er sich als ein rundes Fleckchen, also als klassischer "Planetarischer" Nebel. Es versteht sich, daß der Stern außerhalb des Gesichtsfeldes bleiben sollte. Die Wahrnehmung von A 12 steht und fällt mit dem Seeing. Das winzige farblose Scheibchen zeigte sich im 12" schon bei 283× mit UHC-FiIter. Mich würde sehr interessieren, wie andere Beobachter das Objekt sehen. 

A 31, Cnc - gewissermaßen von den Abell-Zwergen zu den Abell-Riesen. Dieser Gigant, noch ausgedehnter als der Helix-Nebel, liegt etwa 1° SO von M 67. Die Beobachtung läßt sich am besten folgendermaßen umschreiben: Man verteile eine Gesamthelligkeit von 12m,2 auf eine Fläche von mehr als 16' und überprüfe, was davon selbst bei guter Durchsicht noch übrig bleibt. Im 8" mit [OIII] konnte ich nur einen vier Bogenminuten großen Teil des PN - vermutlich den hellsten - indirekt und blickweise als einen formlosen Schimmer sehen, der einen helleren Stern umgibt. Also lediglich ein Bruchteil des gesamten Nebeldurchmessers. Nicht viel, aber immerhin. Das Objekt ist in [2] als Sh 2-290 (Sharpless 290) verzeichnet.


A 33, Hya, gehört zu meinen Lieblingsobjekten. Die Hydra ist eine Fundgrube für Planetarische Nebel, jedoch haben sie meist eine ziemlich niedrige Deklination und geben daher stets nur ein kurzes Gastspiel am mitteleuropäischen Himmel. Dabei steht A 33 noch vergleichsweise hoch und zeigt sich in mittelgroßen Teleskopen als gleichmäßiges Scheibchen ohne Zentralstern. Mit zunehmender Öffnung steigt der visuelle Eindruck geradezu exponentiell an. Um kein falsches Bild aufkommen zu lassen: Er setzt einen dunklen Himmel (fst > 6m) voraus. Aber im 12" mit [OIII] war das Objekt bei 52× und 66× als leicht elongierter Nebelschimmer sichtbar, dessen aufgehellter Rand im Südwesten von einem auffälligen Stern flankiert wird [6].

A 35, Hya, ist ebenfalls ein LP-Objekt, das auch in Süddeutschland kaum höher als 17° über den Horizont steigt und daher nur bei guter Transparenz des Himmels (kein Dunst) angegangen werden sollte. Dann aber müßte er dank eines hellen Sterns (9m), der von dem Nebel selbst eingeschlossen wird, relativ leicht zu finden sein. Dieser PN zeigt eindrucksvoll den Unterschied zwischen visueller Beobachtung und Photographie. Aufnahmen im Licht der H
a-Linie (z.B. POSS-Rot) zeigen zwei schwache parallele Nebelbänder von etwa 8' - 10' Länge knapp südlich des hellen Sterns, während visuell im 12" mit [OIII] bei 52× ein völlig anderes Bild zu sehen war: Ein kleiner ovaler Schimmer um den Stern herum, der im Westen etwas heller zu sein schien und bei indirektem Sehen jeweils für einige Augenblicke gehalten werden konnte. Dieses Phänomen, wenn Objekte in unterschiedlichen Spektralbereichen völlig verschieden aussehen, gibt immer wieder zu Diskussionen Anlaß und zweifellos stellt A 35 einen Extremfall dar.

A 36, Vir, steht auch recht tief am Himmel. Mit einer großen Portion beobachterischem Geschick und Selbstvertrauen - neben Hoffnung und Geduld die wichtigsten Tugenden des Deep-Sky-Beobachters - ist dieser Nebel schon im 8" indirekt als eine konturlose Aufhellung um einen Zentalstern (11m) sichtbar. Der schönste Anblick war bei 50× (5 mm AP) mit [OIII]-Filter.


JE 1, Lyn, ist kein Abell sondern ein Jones-Emberson, aber abschließend trotzdem einer Erwähnung wert - sozusagen als Bonus. Dieser PN kann unter guten Bedingungen im 8" bei LP als ein schwacher geteilter Nebelschimmer mit zwei helleren Verdichtungen gesehen werden. Wer den Sky Catalogue 2000.0 aufschlägt, wird unter der entsprechenden Eintragung einen seltsamen Hinweis finden: "not NGC 2474-5". Der Grund für diesen Zusatz ist mit einer netten Verwechslungsgeschichte verbunden:

Vater und Sohn Herschel entdeckten eine kleine Galaxie der 12. Größe im Sternbild Luchs. Später fand William Parsons, der alte Earl of Rosse, nur 0',4 davon entfernt eine weitere. Unter den Nummern 2474 und 2475 wurden beide Galaxien von Dreyer in den NGC übernommen. 1939 bemerkten zwei Astronomen am Harvard Observatory auf Photographien dieser Himmelregion zwei schwache Aufhellungen. Sie nahmen an, daß es sich dabei um die beiden elliptischen Galaxien handelt, obwohl diese sich 30' südlich befinden!

Tatsächlich hatten sie zwei helle Knoten in der ringförmigen Nebelhülle eines noch unbekannten Planetarischen Nebels entdeckt und die Galaxien, die auf den relativ kurzbelichteten Aufnahmen nahezu stellar erscheinen, völlig übersehen. Fortan wurden sowohl die Galaxien als auch der PN jahrelang als NGC 2474-5 bezeichnet - ein ausgesprochen hartnäckiger Irrtum. Aber damit der Verwirrungen nicht genug: Häufig wurde dieser Nebel einfach "Jones 1" genannt, nach einem der beiden "Entdecker" vom Harvard Observatory. Das hat immer wieder zu Verwechslungen mit dem "echten" Jones 1 geführt, einem bekannten PN im Pegasus [8] - benannt nach seinem Erstbeobachter, der mit dem oben genannten nicht identisch ist. Dazu kommt noch, daß beide Objekte von nahezu zwillingshaftem Aussehen sind, was auch mit Amateurmitteln relativ leicht festzustellen ist. Sie sind in Größe und Helligkeit vergleichbar, erscheinen leicht oval mit zwei helleren Verdichtungen am Rand. [2] unterscheidet die beiden als JE 1 und JN 1, während in [1] beide als "JnEr 1" und "Jn 1" bezeichnet werden. Für Jones-Emberson 1 kursiert auch noch die Bezeichnung Vorontsov- Velyamilov 47 (V-V 47). Man hat also die freie Wahl. Wie wär's mit den PK-Nummern? 

Übrigens: Wie in [4] nachzulesen ist, haben amerikanische Stargazer einen neuen "Katalog" ins Leben gerufen, den AINTNO (Association of Invisible Objects and Things Nobody Observes). Dieser beinhaltet neben Sternflecken auf Rigel auch Planetarische Nebel im M 81...

Objekt R.A. Dek. Größe Hell. vis  U2000.0
A 10 (PK 197-14.1)   05 31.8   +06° 56'   25"         14,7 180
A 12 (PK 198-6.1) 06 02.4 +09° 39' 37" 12,0 181
A 31 (PK 219+31.1)  08 54.2 +08° 55' 980"' 12,2 187 
A 33 (PK 238+34.1)  09 39.1 -02° 48'  268"  12,4 233 
A 35 (PK 303+40.1) 12 53.7 -22° 52' 709" 12,7 329
A 36 (PK 318+41.1)  13 40.6 -19° 53' 370" 11,8 331 
JE 1 (PK 164+31.1)  07 57.8 +53° 25'  399" 12,1 43
Jn 1 (PK 104-29.1) 23 35.9 +30° 28' 332" 12,1 124

Literatur:

[1] ESO-Catalogue of Galactic Planetary Nebulae, Strasbourg 1992 
[2] Cragin, Lucyk, Rappaport: The Deep Sky Field Guide to Uranometria 2000.0, Richmond 1993 
[3] Sky & Telescope, 3/1988, S. 338 
[4] Polakis: Hunting Down Abell Planetaries, Sky & Telescope, 5/1994, S. 106 
[5] Hynes: Planetary Nebulae, Richmond 1991 
[6] Reus, Stoyan: Bildatlas heller Planetarischer Nebel- Teil I, interstellarum 6, S. 13 
[7] Stoyan et al.: PK 205+14.1, Objekte der Saison, interstellarum 6, S. 54 
[8] Stoyan et al.: PK 104-29.1, Objekte der Saison, interstellarum 1, S. 51