Sharpless-Nebel visuell beobachtet  


Was? Sharpless? Höhöhö!" So oder ähnlich darf man sie sich vorstellen, die allgemeine Reaktion auf die Frage nach Beobhtungsdaten von Galaktischen Nebeln (GN) aus dem Sharpless-Kalalog [1]. Da vermag auch die freundliche Beteuerung, daß S 157 zu den interessantesten Nebelregionen am Himmel gehört, wenig zu helfen. Übertriebene Ironie? Ich habe feststellen müssen, daß man ziemlich imn Stich gelassen wird, wenn man Informationen über eine bestimmte Objektgruppe erfahren möchte, die nicht über eine NGC- oder IC-Nummer verfügt. Eine enorme und vor allem hierzulande klaffende Lücke, die erst durch interstellarum mit der Veröffentlichung des Visuellen Katalogs Galaktischer Nebel [2], kurz VKGN, geschlossen wurde - meiner Meinung nach eine der sinnvollsten Grundlagen der visuellen Deep-Sky-Beobachtung, abgesehen von der beobachterischen Leistung.

Von den leichteren Objekten, wie beispielsweise S 132 und S 157 in Cepheus, ist zweifelsohne letzterer der bekannteste Sharpless-Nebel überhaupt. Dieser großflächige Nebelkomplex ist bereits mit kleineren Teleskopen oder sogar mit größeren Ferngläsern erreichbar, besonders auffällig ist dabei ein hellerer Bereich (S 157a). Trotzdem gehören diese GN nicht zu meinem 1996er-Beobachtungsprogramm, dieses konzentriert sich vielmehr auf eine Reihe von Objekten, die ich zuvor noch nicht beobachtet habe. Lichtstarkes Gerät ist durchaus empfehlenswert, wenn auch nicht bei allen GN zwingend nötig. Ich benutze neben meinem 8" f/5-Newton den leihweise zur Verfügung stehenden 457/1850-mm-Selbstbau-Dobson meines Sternfreundes Martin König. Bei 18" Öffnung kann man eine Brennweite von unter 2 m schon als kurz bezeichnen, womit diese Gitterrohr-Konstruktion aus Alu und Holz gewissermaßen zum "Super-RFT" wird. Die bei f/4 unvermeidliche Koma ist visuell mit entsprechend korrigierenden Okularen durchaus zu ertragen. Der Vorteil bei diesem Instrument ist die kurze Bauweise, die sich ungemein günstig auf eine entspannte Beobachtungshaltung auswirkt. Die ansonsten bei größeren Dobsons unverzichtbaren Hubwagen und Kräne rücken somit in weite Ferne...

Januar, die eisige Einöde der Breitenbucher "Pampa". Der erste Schritt nach der Adaption: Grenzgrößenbestimmung am Pol. Das schwache Sternchen zwischen
a und d UMi ist auf Anhieb sichtbar, also 6m,4. Der nächste Kandidat bei 2 UMi ist mit seinen 6m,7 erwartungsgemäß nicht zu sehen. Nach dem "Warmsehen" an M 81 (Wahnsinnsstrukturen im 18"!) und dem WR-Nebel NGC 2359 (CMa) beginne ich mit dem Programm, das ich zuvor, auf dem VKGN basierend, zusammengestellt habe. Es sieht die ersten drei von insgesamt acht sehr unterschiedlichen Sharpless-Objekten vor, die ich mir für die Saison Winter/Frühling vorgenommen habe:

 

S 280
S 301


S 280 (Sh2 280)

ist als Einstiegsobjekt am winterlichen Sternenhimmel geradezu ideal, denn bereits in kleineren Instrumenten um 8" zeichnet sich der relativ große Nebel deutlich ab. Das Objekt liegt nur etwa 2°,5 südlich des berühmten Rosettennebels im Einhorn. Der 8" zeigt bei 50× (4 mm AP) mit UHC eine deutliche Aufhellung um einen hellen Stern, von dem sich indirekt sichtbar eine spitz auslaufende Nebelzunge nach Südwesten fortkrümmt, wodurch das Objekt wie eine Miniaturausgabe des Nordamerikanebels aussieht. Im 18" (92,5×, 5 mm AP, UHC) hingegen ist das gesamte Ausmaß der HII-Region sichtbar, deren Randbereiche nahezu fließend in die Nachtschwärze übergehen. Die helleren Regionen erscheinen scharf begrenzt und von einer Vielzahl schwacher Sterne eingerahmt.

S 301 (Sh2 301)

ist ein spektakulärer Nebel, der ca. 5° OSO von Sirius zu finden ist. Die hohe Flächenhelligkeit des Objekts wirkt sich auf die Wahrnehmung sehr vorteilhaft aus, ungeachtet der tiefen Lage am Himmel. So waren schon im 8" bei 50× und UHC-Filter Einzelheiten im Nebel erkennbar. Der Anblick im 18" raubt mir den Atem! Die hellste Region des Nebels wird durch zwei auffällige dunkle Zonen unterbrochen, diese sind sogar direkt sichtbar. Einige dunkle Bereiche, die an die "Elefantenrüssel" im Rosettennebel erinnern, durchziehen auch den schwächeren Nebelteil. Auffällig ist vor allem der abrupte Übergang zwischen den hellen und lichtschwächeren Regionen des Nebels.

 

S 308
S 155


S 308 (Sh2 308)

Nach diesen relativ einfachen GN mache ich mich mit dem 18" auf die Suche nach einem ausgesprochenen "Hardcore-Nebel". Hierzu muß ich das Instrument lediglich um etwa 6° nach Südwesten bewegen, bis zu dem hellen Stern
s1 CMa, womit sich - rein theoretisch - das gesuchte Objekt bereits im Okular befindet. S 308 ist ein Wolf-Rayet-Nebel, dessen anregender Stern HD 50896 (6m,9) gemeinsam mit s1 CMa bei 92,5× (5mm AP) im Gesichtsfeld zu sehen ist. Die sehr niedrige Deklination macht sich auch ohne das Vorhandensein von Dunst am Horizont allein durch die atmosphärische Extinktion bemerkbar: Beide Sterne erscheinen schwächer als erwartet. Darüber hinaus gehört S 308 zu einer Kategorie von nebelhaften Objekten, denen visuell nur sehr schwer beizukommen ist, weil sie hauptsächlich aus dünnen Filamenten bestehen. Die große Öffnung sollte sich als sehr nützlich erweisen. Mit [OIII]-Filter und langsamen Abfahren eines ca. 1° × 1° großen Himmelsareals sind indirekt drei schmale, jedoch recht lange Sicheln sichtbar. Dabei halte ich die beiden hellen Sterne außerhalb des Gesichtfeldes. Die augenfälligste Struktur ist ein zwischen zwei Sternen liegendes, nach Westen gebogenes Filament, wobei es sich vermutlich um den von Andreas Alzner mit 8" Öffnung beobachteten Teil handelt (vgl. [3]).

Der zweite Teil meiner Sharpless-Liste umfaßt fünf weitere Nebel, die am Sommerhimmel zu finden sind. Diese Beobachtungen wurden unter exzellenten Bedingungen (fst > 6m,3) in den frühen Morgenstunden des 15. und 16. April gemacht, in den ersten wirklich klaren "Post-Hyakutake-Nächten".

S 155 (Sh2 155)

befindet sich ganz in der Nähe von S 157. Die HII-Region ist nicht zu übersehen und auch im 8" deutlich zu erkennen. Die Nordhälfte des Nebels ist wesentlich heller, im 18" ist überdies eine dunkle Einbuchtung sichtbar. Das Objekt ist nicht sonderlich groß und füllt nicht einmal die Hälfte des Gesichtsfeldes aus (1°,25 bei 92,5×). Auf einer Seite abrupter Helligkeitsabfall zum Hintergrund, die andere Seite mehr fließender Übergang.

 

S 129
S 119


S 129 (Sh2 129)

in Cepheus ist ein außergewöhnliches Objekt, das ich nur auf meine Liste geschrieben habe, weil es auch im DSFG [4] erwähnt wird. Da ich bisher der Meinung war, die dort aufgeführten GN seien eher von leichterem Kaliber, kann man sich meine Verwunderung ob des visuellen Eindrucks von S 129 vorstellen: Es sollte sich als eines der schwierigsten Objekte herausstellen, die ich je beobachtet habe - selbst mit diesem Achtzehnzöller. S 129 ist ein riesiges und schwaches Gebilde, etwa 2°,5 von
a Cep entfernt - unweit von IC 1396 - und in der Form einer stark gekrümmten Sichel. Daher setzt es eine maximale Austrittspupille und ein gerütteltes Maß an Selbstvertrauen voraus. Okularseitig ein 32 mm-Erfle, das am 18" eine AP von 8 mm bei einer Vergrößerung von 58× erlaubt, mit UHC-Filter versehen. Damit läßt sich das Objekt gleichmäßig abfahren, das daraufhin indirekt als sehr schmale und schwache Aufhellung erscheint, mit einem etwas helleren Bereich am "konvexen" Ostrand. Die Notwendigkeit, daß das Teleskop bewegt werden muß, um die über 1° große Nebelsichel abzufahren, fördert die Wahrnehmung dieser Struktur (field sweeping).

S 119 (Sh2 119)

ist der helle Nebelfleck 3° östlich des Nordamerikanebels, trotzdem wird er - genau wie der nahe S 115 - oft übersehen. Dabei ist er schon im 8" bei 31× und mit UHC deutlich als geschwungene Sichel erkennbar, wie ein spiegelverkehrtes Fragezeichen aussehend, eingebettet in eine schwächere Nebelhülle. Es handelt sich um zwei etwas heller heraustretende Stränge eines insgesamt großen diffusen Bereichs. Sharpless ordnete diese Formation nach seiner dreistufigen Helligkeitsskala immerhin der Stufe 3 (bright = hell) zu.

 

S 82
S 91


S 82 (Sh2 82)

ist ein kombinierter Emissions-/Reflexionsnebel im Sternbild Pfeil. Trotz seiner für GN-Verhältnisse kompakten Größe ist das Auffinden dieses faszinierenden Objekts mit dem 18" ziemlich leicht, denn es befindet sich gut 2° westlich von
a Sge. Relativ schnell entpuppt sich die auch ohne Filter sichtbare kleine und annähernd kreisrunde Aufhellung um einen helleren Stern als Teil eines größeren Nebelbereichs, der sich nach N hin verjüngt (6 mm AP mit UHC). Hier schließt sich die schwach leuchtende Emissionskomponente an, die nach W scharf begrenzt und von mehreren dunklen Bereichen unterbrochen scheint.

S 91 (Sh2 91)

ist ein Supernovarest im Schwan, der 1977 von T. R. Gull photographisch entdeckt wurde. Das auch als G65.2+5.7 bezeichnete Objekt wird oftmals in einem Atemzug mit S 240 (Simeis 147) und CTB 1 genannt und somit als schier unbeobachtbar abgetan. Tatsächlich aber haben mehrere Beobachter (Alzner, Ruppel, Buse) den SNR mit relativ kleinen Öffnungen gesichtet [5,6]. In [5] berichtet Ronald Stoyan überdies eindrucksvoll von einer Beobachtung mit 20". Die Dimensionen dieses Objekts sind mit 4° × 3°,3 gigantisch. 

Der bekannte Doppelstern Albireo eignet sich vorzüglich als Wegweiser zum nahen Objekt, ebenso liegt der Globular M 56 ganz in der Nähe. Die beiden Hälften des SNR tragen die Sharpless-Nummern 91 und 94. Sharpless erstellte seinen Katalog bereits 1959, wobei er nach den ihm vorliegenden Aufnahmen die wahre Natur dieses Objekts nicht erkannte. Der VKGN enthält nur den südlichen Abschnitt S 91 in der Nähe von
f Cyg, der visuell bereits öfter beobachtet worden ist. In [6] beschreibt Jürgen Ruppel, der alle Teile des SNR mit nur 6" Öffnung beobachtet hat, die beiden Sicheln des nördlich gelegenen S 94 als auffäilliger und heller. Sie seien bereits in einem 15 × 80-Glas auszumachen. Diese Beobachtung konnte ich trotz hervorragender Bedingungen nicht nachvollziehen. Mit [OIII]-Filter ist S 91 relativ schnell gefunden. Als geschwungener, ca. 1°,5 langer Nebelausläufer mit sich aufspaltenden Spitzen zeichnet sich das Objekt gegen den sternenreichen Hintergrund ab, wobei eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Westteil des Cirrusnebels zu bemerken ist. Ein weiteres schmales Nebelfilament spannt sich in nordöstliche Richtung. 

Gewappnet mit einer von Karl Buse angefertigten groben Übersichtszeichnung, die er maßstabsgetreu in die entsprechende Seite des Sky Atlas 2000.0 eingetragen hat, mache ich mich daran, den nördlichen S 94 zu suchen. Ich werde schon nach wenigen Minuten fündig. Allerdings stellt sich heraus, daß - genau wie bei S 308 - die Beobachtung mit auf 5 mm reduzierter AP gewinnbringender ist (92,5×). Ein breiter und spitz auslaufender Nebelbogen, der sich über eine Länge von ca. 30' von OSO nach WNW krümmt, kann indirekt ausgemacht werden. Ein knappes Grad SW, in Richtung S 91, ist auch das zweite Nebelfilament zu erkennen. Ohne [OIII]-Linienfilter ist selbst mit 18" Öffnung nicht ein einziger Fetzen dieses immensen Supernovarestes sichtbar.

Name Typ  R.A. Dek. Dim [2] Con  U2000.0
S 280   HII 06 34.3  +02° 33' 20' × 30'   Mon -
S 308 WRN  06 54.2 -23° 57' 27' × 4' CMa -
S 301  HII 07 09.8 -18° 29' 8' × 7' CMa 318, 319 
S 82  HII/RN  19 30.3 +18° 16'  5' × 3'  Sge 161, 162 
S 91 SNR 19 35.6 +29° 37' 22' × 1' Cyg -
S 129  HII 21 11.8 +59° 57' 70' × 7' Cep 33, 56 
S 119  HII 21 18.5 +43° 57'  57' × 10' Cyg -
S 155 HII 22 56.8 +62° 37' 13' × 7' Cep 34


Literatur:

[1] Sharpless: A Catalogue of HII Regions, 1959 
[2] Alzner, Stoyan: Visueller Katalog Galaktischer Nebel, interstellarum 2 (1/95) 
dto. erweiterte Fassung in Webb Society Quarterly Journal, January 1996 
[3] Stoyan: Wolf-Rayet-Objekte visuell, interstellarum 1 (4/94) 
[4] Cragin, Lucyk, Rappaport: The Deep Sky Field Guide to Uranometria 2000.0, Richmond 1993
[5] Stoyan: Supernovareste visuell, Teil II, interstellarum 4 (4/95) 
[6] Ruppel: Die Gasnebel in Cygnus, Mitteilungen der Volkssternwarte Darmstadt 5/1983