Das Streulicht

Welchen Nutzen ziehen wir aus Beobachtungsvorhaben, wie z.B. dem recht ehrgeizigen Projekt Galaxienhaufen visuell? Ebenso könnte man fragen: Wem und warum sollten wir beweisen, daß heute auch außerhalb der USA von Deep-Sky-Beobachtern Grundlagenliteratur geschrieben wird? Zu Zeiten, als man bei uns auf den Begriff "Deep-Sky" noch mit Achselzucken reagierte, wurde auf der anderen Seite des Atlantik jene beobachterische Pionierarbeit geleistet, ohne die es heute weder dieses Heft, noch eine Fachgruppe Deep-Sky gäbe. Aber sollten wir uns etwa damit begnügen, nur noch auf diesen längst geschlagenen Pfaden durch den Deep-Sky-Dschungel zu wandern? Hätte es niemals diese visuell beobachtenden Wegbereiter gegeben, deren Ergebnisse sich uns heute bequem einsehbar in zahllosen Publikationen anbieten - wären wir hier und heute nicht in der Lage, deren Plätze einzunehmen?

Diese Fragen beantworten sich von selbst. Deep-Sky soll Spaß machen, so lautet unser wichtigstes Axiom. Aber wie definieren Sie Spaß, liebe Leser, im Zusammenhang mit Deep-Sky? Sicherlich, draußen am Teleskop in entfernte Nebel und Galaxien zu entschweben, das ist schön und erhebend zugleich, und "Amateur" heißt ja auch "Liebhaber". Doch da gibt es mehr, vielmehr, als dieses oberflächliche, fast erniedrigende Synonym uns zubilligen möchte: Das Gefühl, einen Beitrag geleistet zu haben, der von nachfolgenden Beobachtern als Referenz genutzt werden kann; mit der Veröffentlichung von Ergebnissen und der Erarbeitung von neuen Beobachtungsprojekten. Die Motivation ist der Drang jedes ambitionierten Beobachters, aus dem, was er tut, zu lernen. Für mich ist das die Quintessenz aller Amateurarbeit, und die Beschreibung "Spaß" wird dem lange nicht mehr gerecht. Wir lernen dazu, wenn wir beobachten; aber wir lernen auch dazu, wenn wir beobachten lassen - in vernünftige Bahnen gelenkt durch Projekte. interstellarum und die Fachgruppe leben davon.

Unsere Lehr- und Lernmaterialien heißen Deep-Sky-Liste, Aktion Offene Sternhaufen, Deep-Sky in Leo Minor, Galaxienhaufen visuell, Objekte der Saison usw. Und was ist nun so schwierig daran, auch ohne Fachgruppenkoordination eigene Projekte auf die Beine zu stellen? So vieles ist bisher noch nicht gemacht worden. Für mich als Benutzer eines großen Teleskops ist dabei eine Perspektive ganz besonders verführerisch: Die Beobachtung von Objekten, die bisher noch nicht beobachtet wurden - visuelles Neuland also. Der Irrglaube, wonach "nicht beobachtet" gleichbedeutend mit "unbeobachtbar" sei, ist weitverbreitet, aber eben nur ein Irrglaube. Hier bietet sich dem Beobachter die verlockende Chance, die Grenzen der visuellen Astronomie selbst zu ziehen und dabei seinen Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizont so weit wie möglich in die Tiefen des Universums hinauszutragen. Beobachten wir nicht schon heute Objekte visuell, die vor zehn Jahren nur auf den Programmen der großen Observatorien zu finden waren? Es scheint, als gäbe es viel mehr Grenzen in unseren Köpfen, als am Himmel.

Beispiel Galaxien: Rund zehntausend Galaxien sind bisher visuell beobachtet worden. Eine ganz schöne Zahl, sollte man meinen. Aber hält man dagegen, daß bei Verwendung eines 18-Zöllers unter einem dunklen Landhimmel die Anzahl der über das Jahr hinweg beobachtbaren Galaxien 80.000 übersteigt, erscheint sie doch lächerlich gering. Nehmen wir an, ein erfahrener Beobachter mit einem guten Standort, entsprechendem Gerät und einer durchschnittlichen Beobachtungspraxis von etwa 50 Nächten pro Jahr, würde sich in jeder Nacht nur zehn neue Galaxien vornehmen - er brauchte 160 Jahre, um das Galaxienpotential seines Teleskops abzubeobachten!

Worauf warten wir eigentlich?