Objekte der Saison - M 74 

Name R.A. (2000.0) Dec. Con  Typ  Größe Helligkeit Flächenhell. U2000 
M 74    01h 37,7min        +15° 47'     Psc SA(s)c I  11' × 11'   9,4 14,7/'

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M 74: Zeichnung mit 18"-Newton bei 205×

 

M 74: Quelle: The Messier Catalog

M 74 wurde im September 1780 von Mechain entdeckt, der den Anblick dieses Objekts folgendermaßen beschrieb: "Dieser Nebel enthält keine Sterne. Er ist recht groß, aber lichtschwach und nur unter großen Schwierigkeiten zu beobachten." Nur einen Monat später beobachtete auch Messier das kreisrunde Nebelobjekt [1]. John Herschel beschrieb M 74 als einen "kugelförmigen Sternhaufen, sehr groß und rund und zum Zentrum heller werdend, teilweise aufgelöst". Eine Fehlbeobachtung, die zur Folge hatte, daß M 74 in der ersten Fassung des NGC als Kugelsternhaufen verzeichnet wurde. Erst Lord Rosse erkannte mit dem 72-zölligen "Leviathan" eine Spiralstruktur in M 74. In der Nacht des 14. Dezember 1848 schrieb er in sein Beobachtungsbuch eine kurze Notiz: "Spiralförmig?". In der folgenden Nacht beobachtete er das Objekt erneut: "Ich bin sicher, daß es ein Spiralnebel ist" [2].

M 74, rund 5° südwestlich von
g Ari oder 1° nordöstlich von h Psc gelegen, ist eine der hellsten und größten Face-On-Spiralen des Himmels, aber ihre Flächenhelligkeit ist extrem gering und wirkt sich vor allem bei der Beobachtung mit kleineren Fernrohren nachteilig aus. So wird es mit Geräten unter 3" Öffnung ausgesprochen schwierig, ausser dem hellen sternförmigen Zentrum überhaupt weitere Einzelheiten zu erkennen. Mit kleinen Teleskopen erscheint nebelhafte Umgebung meist nur bei indirektem Sehen. Tatsächlich ist M 74 deshalb einmal versehentlich als Stern katalogisiert worden. In der "Bonner Durchmusterung", die 1860 von Argelander mit einem dreizölligen Refraktor durchgeführt wurde, erhielt der stellare Kern von M 74 die Nummer BD+15°238 [3].

Galaxien geringer Flächenhelligkeit verleiten viele Beobachter dazu, eher schwache Vergrößerungen zu verwenden. Doch M 74 zeigt geradezu exemplarisch, daß eine höhere Vergrößerungsstufe zwecks Reduzierung der Hintergrundhelligkeit auch bei Teleskopen kleinerer Öffnung zwischen direkter und indirekter Wahrnehmung entscheiden kann. Aber die spannendste Frage, die sich ein visueller Beobachter bei Face-On-Galaxien stellt, ist ohne Zweifel diejenige nach der Sichtbarkeit der Spiralstruktur. Die Schwierigkeit von M 74 in kleineren Instrumenten hat schon viele Autoren zu recht praxisfernen Aussagen genötigt, wonach die Spiralarme nur mit "leviathanischen" Öffnungen beobachtbar seien. So ist beispielsweise in [4] zu lesen: "Bei Fernrohren größerer Öffnung sollte man nur schwache Okulare verwenden, aber selbst unter den besten Bedingungen ist von der Spiralstruktur nichts zu sehen." Die persönliche Erfahrung des Autors ist eine ganz andere: Die Spiralarme mögen zwar großen Öffnungen vorbehalten sein, jedoch sind sie in einem 18-Zöller unter dunklem Himmel deutlich zu sehen.

M 74 gilt neben M 101 als Musterexemplar der Grand-Design-Spiralen. Zwei ca. 3.000 Lichtjahre breite Spiralarme winden sich gleichmäßig vom Kern in entgegengesetzte Richtungen. Dunkle Absorptionsbänder liegen auf der jeweils dem Zentrum zugewandten Seite und begleiten die Spiralarme für rund eine Viertel Umdrehung. Zahlreiche HII-Regionen finden sich hier, die größten sind zusammenhängende Gebilde von ca. 5" Durchmesser. Mindestens zwei davon sind mit entsprechender Öffnung visuell sichbar. Laut [5] beläuft sich die Radialgeschwindigkeit von M 74 auf +861 km/s. Aus diesem Wert errechnet sich eine Entfernung von 17,2 Mpc oder 56 Millionen Lichtjahren (H=50). Der Durchmesser der Galaxie entspricht in etwa dem unserer eigenen (ca. 80.000 Lichtjahre). Aber bei ca. 40 Milliarden Sonnenmassen macht die Dichte von M 74 nur ein knappes Fünftel der unserer Galaxis aus. 

Ein besonderes Ereignis fand im Sommer 1991 statt: Der 12m helle Kleinplanet (88)Thisbe zog nahe am Zentrum von M 74 vorbei - und gaukelte damals so manchem ahnungslosen Beobachter eine helle Supernova vor.

Literatur

[1] W. Meyer, Sternhaufen und Nebel. Veröffentlichung der Wilhelm-Foerster-Sternwarte, Berlin 1975
[2] R. Burnham jr.: Burnhams Celestial Handbook, Dover Publications, New York 1978, 1479
[3] W. S. Houston, Sky & Telescope, Nov. 1982, 501
[4] H. Vehrenberg: Mein Messier-Buch, Düsseldorf 1970
[5] A. Sandage, J. Bedke: The Carnegie Atlas of Galaxies, Carnegie Institution, Washington D.C. 1994
[6] R. N. Clark: Visual Astronomy of the Deep Sky, Sky Publishing, Cambridge Mass., 1990, 80
[7] W. S. Houston, Sky & Telescope, Nov. 1993, 103
[8] R. Jakiel: Observing Giant HII Complexes in M 74, The Deep-Sky Observer 8, 13 (1996)