Das Streulicht

Vor gar nicht langer Zeit wurde an dieser Stelle schon einmal über den gefährlichen Einfluß gewisser Veranstaltungen berichtet, der schon so manchen hoffnungsvollen Jungamateur vom ursprünglichen Zustand des Beobachters zum reinen Fernrohrbesitzer, -tester oder (schlimmer noch) -zurschausteller mutieren ließ. Es steht mittlerweile völlig außer Frage, daß als langfristige Folge einer solch intensiven Bindung zwischen Mensch und Instrument zuletzt kaum noch zu erkennen ist, wozu das Fernrohr dereinst überhaupt erfunden wurde. 

Der absonderlichste Vertreter dieser Mutation, der als direktes Ergebnis einer beinahe teleskopophilen Neigung auftritt, ist der sogenannte "Riesendobson-Exhibitionist". Er schert allein schon durch das wahrlich überdimensionale Format seines Fetischobjekts aus der "Norm": Manch einer stellt sich beim Anblick eines gigantischen Dreißigzöllers vor, was man damit so alles machen könnte. Die Gedanken kreisen um blendend helle CGCG-Galaxien, jede Menge distance class 3-Cluster, HII-Regionen in schwachen Galaxien.

Die Illusion verfliegt, sobald jemand fragt, was gerade eingestellt ist. "Die Emmoanundreiß'ger", heißt es lapidar. Ihr Barbaren! Ihr elendigen Fernrohrquäler! Das ist doch genauso, wie ein Rennpferd als Ackergaul zu mißbrauchen! Nein - den dunklen Kärntner Nachthimmel über den Köpfen, wird nur über die Größe der Gleitlager, die edle Holzlackierung und natürlich den ach so guten und wertvollen Spiegel fabuliert. Es geht dabei nicht um "innere Werte". 

Aber welcher giraffenkompatible Lichtsilo kann schon einen "Stand" von bald 200 Beobachtungsnächten vorweisen? Anders formuliert: Wie wird so ein Edeldob von der Preisklasse einer Eigentumswohnung nach 200maligem Extremeinsatz wohl aussehen? Herrlich! Für meine Augen jedenfalls. So wie meiner: Verdreckt, zerschrammt (nicht die Optik!) - ein bis an den Rand der materiellen Belastbarkeit geschundenes Konglomerat aus Metall, Holz und Glas, mit dem Flair einer Mülltonne. Na und!? Fernrohre sind zum Durchsehen, nicht zum Ansehen. Hat Fraunhofer schon gesagt. Das Teleskop ist ein Hilfsmittel zur Beobachtung, nicht mehr und nicht weniger. Erst recht kein Status-, Phallus- oder sonstiges Symbol. Nur jemand, für den die Beobachtung und die Objekte im Vordergrund stehen - und nicht das Teleskop -, ist ein echter Beobachter. 

Aber was machen die dann bitte schön mit den Rieseneimerm, die man beim alljährlichen Almauftrieb bestaunen darf? Wo bleiben denn die Beobachtungen der Fünfundzwanzig- und Dreißigzöller in interstellarum? Oder funktionieren die Dinger am Ende überhaupt nicht? Attrappen, wa? Naja, mag man sich denken; ist ja nur ein Teleskoptreffen - muß ja nicht heißen, daß die Jungs mit ihrem Dreiviertelmeterspiegel auch sonst nur den Andromedanebel anschauen. Aber fragt man den Halter des Ungeheuers, den man ja auch für einen Beobachter hält, weil man doch immer an das Gute im Menschen glaubt, ob er denn nicht vielleicht ein paar harte Sachen auf Lager hätte, für interstellarum und so - wie wird da die Antwort lauten? 

"Ach sehng S', i hab scho von dera Sach g'hört, i hab ah nix gega, aber des is mir alles vui zu schwierig..." Oh ja, es gibt sie wirklich, die Fernrohrzurschausteller, für die nichts wichtiger ist, als den turmhohen Vier-Zentner-Photonengulli samt dazugehöriger zwanzigsprossiger Leiter vom Dobratsch zum Vogelsberg zu karren und nichts weiter damit anzustellen als: Bewundern lassen. Wir sehen uns auf der nächsten Texas Star Party, wo Tom und Larry mit ihren 36-Zöllern nach 17m-Galaxien suchen - hinter den Spiralarmen von M101!