Deep-Sky in Leo Minor - NGC 3395/3396

Name R.A. (2000.0) Dec. Größe Helligkeit (vis)
NGC 3395    10h 49,8min        +32° 59'     1,9' × 1,2'     

12,1

NGC 3396    10h 49,9min        +32° 59'     2,8' × 1,2'     

12,1

NGC 3395/3396: Neue Zeichnung des Autors (nicht die ursprünglich veröffentlichte) mit 18"-Newton bei 205×

NGC 3395/3396, Aufnahme von C. Murotani 

 

Wechselwirkende Galaxien, Galaxienkannibalismus - ein für den visuellen Beobachter sehr reizvolles Gebiet, besonders im Hinblick auf mögliche sichtbare Anzeichen von Interaktion. Die bekanntesten - wenn auch nicht spektakulärsten - Beispiele für solche Galaxienbegegnungen sind zweifellos M 51 und NGC 4038/9, die berühmten "Antennae". Durch N-Körperrechnungen läßt sich heute anschaulich darstellen, wie sich ein derartiges Ereignis von den ersten Anfängen an entwickelt. So kann es bei diesen Prozessen unter bestimmten Voraussetzungen zu Kollisionen und Durchdringungen kommen, es können sogar mehrere Objekte zu einer einzigen Galaxie verschmelzen (merging). "Der" Katalog von Galaxien mit Wechselwirkungsprozessen [1] beinhaltet das pekuliare Galaxienpaar NGC 3395/6 unter der Kennung Arp 270. Voraussetzung für die Aufnahme in diesen Katalog sind ungewöhnliche morphologische Strukturen, z. B. lange Schwänze aus Gas oder Brücken zwischen den Galaxien. Tatsächlich sind beide Galaxien durch eine schwach leuchtende Materiebrücke verbunden, die vermutlich durch Gezeitenkräfte aus der schwächeren Komponente NGC 3396 herausgerissen wurde [2]. Eine interessante Frage dürfte sein, ob diese Struktur visuell mit "normalen" Teleskopen zu beobachten ist. Mit 18" Öffnung war lediglich eine spitze "Nase" am Ostrand von NGC 3395 zu erkennen. NGC 3396 erscheint auf dem POSS ungewöhnlich deformiert und wurde von Sandage und de Vaucouleurs als irreguläres System klassifiziert. Beide Galaxien sind reich an Gas- und Staubmassen [4]. Möglicherweise findet im Zentrum von NGC 3396 ein massiver starburst statt [5], was keinesfalls ungewöhnlich für wechselwirkende Systeme ist. Die Geschwindigkeiten bei Galaxienkollisionen liegen im Bereich von einigen 100 km/s, dabei wird interstellares Gas unter Ausbildung von Schockfronten komprimiert und die Sternentstehungsrate steigt exponentiell an [6]. Beide Sternsysteme sind 68" voneinander entfernt, was bei einer Gesamtentfernung von 32 Mpc (H=50) einem tatsächlichen Abstand zwischen beiden Objekten von 10 kpc (ca. 33.000 Lichtjahre) entspricht. Zum Vergleich: Der Abstand der beiden Magellanschen Wolken von unserer Milchstraße beläuft sich auf etwa 50 kpc (165.000 Lichtjahre). Das Paar liegt etwa 1°,5 südwestlich des hellen Sterns 46 LMi. Unmittelbar östlich liegt die Galaxie NGC 3430. Alle drei Objekte können im Fernrohr in einem Gesichtsfeld beobachtet werden. 

[1] Arp, H. C.: Atlas of Peculiar Galaxies, ApJS 14, 1 (1966)
dto. erweiterte Fassung, California Institute of Technology, Pasadena, 1978
[2] Bushouse, H. A. et al.: ApJ 334, 613 (1988)
[3] Surace, J. A. et al.: AJ 105, 864 (1993)
[4] Dahari O.: The nuclear actvity in interacting galaxies, ApJS 296, 90 (1985)
[5] Jackson, J. M. et al.: CO in optically selected starburst galaxies, AJ 93, 531 (1987)
[6] Calzetti, D. et al.: ApJ 443, 136 (1995)