Galaxienjagd in der Leier  

Sommer, die "Zeit der hellen Nächte". Natürlich bietet auch die warme Jahreszeit vielfältige Möglichkeiten für den visuellen Beobachter: Die Milchstraße im Schützen mit ihren Sternhaufen und HII-Regionen ist bereits mehr als abendfüllend. Oder die ausgeprägten Gasnebel und Dunkelwolken in Cygnus, eine wahre Fundgrube für lichtstarke Rich-FieldTeleskope. Doch ebenso natürlich ist es, daß die Sonne auch um Mitternacht nicht mehr als 18° unter den Horizont sinkt - infolgedessen sind die Sommernächte kurz und hell. Beginnt es endlich spät abends dunkel zu werden, so ist Wega in der Leier nahezu der erste Stern, der sichtbar wird. Nicht alle wissen, daß das kleine Sternbild sehr viel mehr zu bieten hat als nur den Ringnebel M 57.

Hier findet man zahlreiche Galaxien, die jedoch eher zu den schwierigen Beobachtungsobjekten zählen und größere Instrumente voraussetzen. Darüber hinaus stellen sie recht hohe Anforderungen an Geduld und Geschick des Beobachters. Das heißt aber nicht, daß weniger versierte Sternfreunde oder solche mit kleineren Fernrohren ab dieser Stelle nicht weiterlesen sollen - ganz im Gegenteil. 

Daß visuelle Deep-Sky-Beobachtung in unseren Breiten nicht notwendigerweise bei Grenzgröße 12 aufhören muß, sollte jeden interessieren. Daher ist es kein Zufall, daß die hellste Galaxie in der Lyra-Region ausgerechnet 12. Größenklasse ist.

Unabdingbar für eine Sichtung der schwachen Galaxien sind ein dunkler Beobachtungsplatz und klare Nächte (fst > 5m,5). Zwei Drittel der hier beschriebenen Objekte - die in Punkto Schwierigkeit etwa mit den Galaxien im berühmten Stephan's Quintett vergleichbar sind - konnten bereits bei mäßiger Durchsicht nicht mehr aufgefunden werden. Daher empfiehlt es sich die frühen Morgenstunden im Februar und März abzuwarten. Die helle Wega muß ja nicht unbedingt im Zenit stehen, was den Benutzern großer Dobsons ohnehin angenehmer ist.

Mich interessierte die Frage, ob die Beobachtung von Galaxien 12. und 13. Größe auch unter optimalen Beobachtungsbedingungen ausnahmslos großen und lichtstarken Teleskopen vorbehalten bleibt - ob es möglich sein würde, Objekte nahe der Leistungsgrenze mit f/6 oder f/7 zu erfassen, ohne daß die Optik in die Knie geht.

Die vergleichsweise lange Brennweite des parallaktisch montierten 305/2100-mm-Newton (hervorragende Aeppli-Optik) birgt eine Reihe von Vorteilen: Die Hintergrundhelligkeit hält sich auch bei Verwendung längerer Okularbrennweiten in Grenzen. Das Instrument ist natürlich auf high power ausgelegt und daher besonders für die Beobachtung von Planetarischen Nebeln geeignet. Doch zeichnen sich diese gegenüber Galaxien durch z. T.
beachtliche Flächenhelligkeiten aus.

Am Westhorizont verabschieden sich die letzten Sonnenstrahlen, der Himmel ist schon tiefblau und die ersten Sterne leuchten. Flugzeuge ziehen kurze weiße Streifen hinter sich her - mäßige Luftfeuchtigkeit. Der erste Indikator für die Qualität einer Beobachtungsnacht ist die Dämmerung; letztlich fällt hier die Entscheidung, ob sich das Aufbauen überhaupt lohnt. Polsequenz und Sternscheibchen können ja erst später- oft viel zu spät - überprüft werden. Auf die Gefahr hin, bei "alten Hasen" offene Türen einzurennen, noch ein paar Ratschläge zur Beobachtungspraxis: Wer Deep Sky liebt, muß die Dunkelheit in Kauf nehmen. Okulare, Zeichenbrett und Diktiergerät sollte man da nicht lange suchen müssen (Optimum: Am Körper tragen!). Bis zum völligen Einbruch der Dunkelheit ruhig noch mal in den Schlafsack - die beste Methode zur Adaption. Die Beobachtungsliste wird ohnehin kaum in einer einzigen Nacht zu schaffen sein, also keine Hektik. Im Übrigen zehrt das ständige Schließen des nicht zur Beobachtung benötigten Auges auf Dauer ziemlich am Gemüt, wodurch die Konzentrationsfähigkeit rasch nachläßt. Durch eine schwarze Augenklappe (piratenmäßig...) kann das Auge geöffnet bleiben, was ein wesentlich entspannteres Beobachten erlaubt. Als Nebeneffekt schützt sie das adaptierte Beobachtungsauge vor der Beleuchtung des Zeichenbretts.

Noch ein Satz zur Vergrößerung: Das vom Seeing vorgegebene Limit nicht überschreiten. Die schwachen Galaxien ließen sich am besten bei "medium power" auffinden (105×, 2,9mm AP). Am angenehmsten war die Beobachtung bei 175× (1,7mm AP). Auch die Zeichnungen wurden bei dieser Vergrößerung unter Berücksichtigung eines Gesichtsfeldes von etwa 20' angefertigt.  

Das Band der Milchstraße erstreckt sich über den Himmel, der schwächste, gerade noch mit bloßem Auge sichtbare Stern im Zenit ist 5m. Zum Einstieg bietet sich die hellste Galaxie in der Leier an, NGC 6703. Sie befindet sich etwa 7° NNO von Wega. An ihrem nordwestlichen Rand ist ein einzelner 8m-Stern zu finden, der das Auffinden im 80-mm-Sucher zu einem Kinderspiel macht. Das 2',3 große Objekt ist bereits bei 105× direkt zu sehen, wobei der Stern nicht sonderlich stört. Eine zweite Galaxie - NGC 6702 - befindet sich unmittelbar daneben, in ca. 10' Entfernung, war jedoch bei dieser Vergrößerung nur indirekt wahrnehmbar. Den angenehmsten Anblick hatte ich bei 175×, mit beiden Galaxien im Gesichtsfeld. NGC 6702 erscheint fast rund mit einem diffusen Rand und wird zum Zentrum hin etwas heller. NGC 6703 ist größer, ebenfalls ziemlich rund und besitzt zudem einen deutlich hervorgehobenen Kern.

NGC 6702 (oben) und NGC 6703 (unten) 
N305/2100 mm, 175×
NGC 6792 (unten) und UGC 11430 (Kreis)
N305/2100 mm, 175×


Bei einer stellaren Grenzgröße jenseits von 15m wird Starhopping zum Höllentrip - vor allem, wenn man in den Randbereichen der Milchstraße "hoppt". Mutet man sich solches dennoch zu, so erreicht man 5° ONO von
a Lyr das Objekt NGC 6745. Auch diese Galaxie war schon bei 105× indirekt schwach erkennbar, bei 175× aber deutlich besser auszumachen. NGC 6745 hat eine etwas längliche Form, wobei das Objekt einen leicht verwaschenen Eindruck machte. Diese Beobachtung ließ erahnen, daß es sich hierbei vermutlich um eine irreguläre Galaxie handelt.


NGC 6792 befindet sich wiederum 4°,5 weiter in Richtung NO und ist etwas heller. Sie liegt bereits in sehr sternenreichem Gebiet, direkt neben einem einzelnen 10m-Stern. Von ihrer Natur als Balkenspirale war beim besten Willen nichts zu erkennen, sie erschien als ovales, in der Mitte helleres Fleckchen, das ein wenig an einen Planetarischen Nebel erinnerte. Hier macht sich die geringe Lichtstärke des Teleskops nachteilig bemerkbar; größere und "schnellere" Instrumente sollten unter Umständen eine zarte Spiralstruktur zeigen. Eine Begleitgalaxie (UGC 11430), etwa 10' NNO, wurde nur blickweise als sehr blasser und formloser Schimmer wahrgenommen. Zwei schwache Sterne am Nordrand des Objekts waren für das Auffinden sehr hilfreich, aber nur nicht zuviel erwarten... 

Ähnliches ließe sich über die im gleichen Himmelsareal befindliche Galaxie NGC 6606 sagen, die erst bei 175× mit indirektem Sehen und viel Mühe zu erkennen war. In einem Augenblick geringer Luftunruhe war dann ein nebelhafter Schimmer ohne sichtbare Details auszumachen. Die Verwendung eines Deep-Sky-Filters war wenig gewinnbringend, vielmehr reduzierte es die Intensität der ohnehin schwachen Galaxien um ein weiteres. Lediglich bei den helleren Objekten war eine geringe Kontrasterhöhung wahrnehmbar. Indirektes Sehen und field sweeping brachten hier mehr Erfolg.

Auch die Galaxie NGC 6675 ist auffällig und sollte aufgrund ihrer relativ hohen Flächenhelligkeit bereits in einem Zehnzöller zu beobachten sein. Das Objekt wurde im 19. Jahrhundert von Edouard Stephan, dem Namensgeber des Stephan's Quintett, entdeckt. Selbst bei 175
× war es als ein rundes Scheibchen wahrnehmbar. NGC 6675 gehört zu einer Galaxiengruppe ca. 1°,5 nördlich von a Lyr. 

Hier befinden sich auch die Objekte NGC 6646 und IC 1288, die weniger als 10' voneinander getrennt sind. Bei 105× war lediglich der nebelhafte Kern des helleren Objekts erkennbar. Aber auch mit high power ist NGC 6646 kaum mehr als ein indirekt wahrnehmbares, diffuses Gebilde ohne erkennbare Strukturen. Erst sehr viel später wurde auch der Kernbereich des IC-Objekts lokalisiert, der wie ein schwaches defokussiertes Sternchen aussah. Ungefähr ein Grad südlich von a Lyr trifft man auf zwei eng beisammen stehende 9m-Sterne. Verlängert man ihre Achse nach SW, entdeckt man vielleicht das fahle Glimmen von NGC 6688. Auch dieses Objekt besitzt eine deutlich hervorgehobene zentrale verdichtung, bei höherer Vergrößerung mit einem kreisrunden diffusen Rand.

NGC 6688 und UGC 11325 (Kreis) 
N305/2100, 175×
UGC 11380  
N305/2100, 175×


Dennoch wird NGC 6688 im RNGC-Katalog als "stellar" bezeichnet, womit deutlich wird, daß sich die Eintragungen in diesem Katalog nicht auf den visuellen Eindruck beziehen, sondern "nur" das photographische Aussehen der Objekte auf den Platten des Palomar Observatory Sky Survey (POSS) wiedergeben. Fazit: Visuelle Beobachtung = 1 ; Schmidtkamera = 0.

Mit besonderer Freude erfüllt mich die Sichtung einiger UGC-Objekte, allerdings sucht man sie im DSO-Handbuch Band 6 [2] vergeblich: UGC 11380 findet sich in der direkten Verlängerung der Sterne
d1 und d2 Lyr, etwa ein halbes Grad SSO. Die Galaxie ist ausgesprochen interessant, denn sie erschien als diffuser, stark elongierter Fleck mit einem etwas erhellten, wahrscheinlich leicht nach Westen versetzten Kern. Dank eines 6m-Sterns ca. 10' SSO ist sie relativ leicht zu finden, es empfiehlt sich jedoch, den hellen Stern außerhalb des Gesichtsfeldes zu halten.

UGC 11325, eine sehr schwache Edge-On-Galaxie, sollte nur 10' SSO von NGC 6688 zu finden sein - also im seIben Gesichtsfeld. Zunächst konnte ich außer Sternen nichts wahrnehmen. Diese Galaxie zählt zu den wirklich "harten Brocken" - mit ihr habe ich die Grenze von Fernrohrleistung und Wahrnehmung erreicht. Sämtliche Kniffe des "Deep-Sky-Sehens" mußten zur Anwendung kommen, um auch nur den Hauch einer Empfindung hervorzurufen: Einige Male tief durchatmen, Sterne am Gesichtsfeldrand fixieren, manuelle Nachführung lösen und ganz sanft am Teleskop schaukeln. Erst nach minutenlanger Beobachtung zeichete sich vermutlich der Kernbereich von UGC 11325 extrafoveal als längliches, strukturloses Etwas ab, nicht mehr als ein ein schmaler geisterhafter Strich wie das Bild eines durch Koma verzerrten schwachen Sterns.

Nach dieser Herausforderung suchte ich Erholung bei "einfacheren" Objekten: Unweit des Ringnebels M 57, etwas über 1°,5 SW, trifft man mit etwas Glück auf NGC 6700, inmitten eines Sternenfeldes gelegen. Auch bei hoher Vergrößerung war das Gesichtsteld voll mit Sternen achter und neunter Größe. Bereits bei 105× indirekt flächig sichtbar war bei 175× ein sehr kleiner, aber deutlich runder diffuser Schimmer zu erkennen, der einen nahezu stellaren Kernbereich umgibt. Ganz ähnlich erscheint NGC 6710, mit 13m,1 jedoch noch etwas heller und ca. 7° weiter südlich gelegen - fast an der Grenze zum Herkules.

Von vergleichbarem Charakter sind auch NGC 6692 und 6695. Auch sie waren bei 175× blickweise als schwache, diffuse Schimmer auszumachen. NGC 6695 sorgt überdies für einen hübschen Kontrast, denn die Galaxie steht nur 1° NNW von dem bekann Doppelsternpaar epsilon Lyr.

Die hier aufgeführten Galaxien sind gewiß keine Einsteiger-Objekte, auch darf man von ihnen keine imposanten visuellen Eindrücke erwarten. Selbst in Burnham's Celestial Handbook [3] ist unter "Lyra" nur NGC 6103 verzeichnet. Dennoch sollen sie den Benutzern von größeren Teleskopen als Anreiz dienen, auch einmal weniger bekannte Himmelsobjekte zu "jagen". In einem Zwölfzöller wurden bei weitem nich alle Lyra-Galaxien erfaßt - wievie mehr schimmernde Nebelflecke werden noch größere Öffnungen rund um die Wega zeigen? Waidmannsheil!

Name R.A. Dek. Mag vis [5] Größe Typ
NGC 6606   18 14.7  +43° 16' 13,6  0,9' × 0,7'   ?
NGC 6646 18 29.6 +39° 52' 12,6  1,3' × 1,3' Sa
IC 1288  18 29.4 +39° 43' 13,4  1,3' × 0,7'
NGC 6675  18 37.4 +40° 04'  12,4 2,0' × 1,4'  Sb 
NGC 6688 18 40.7 +36° 16' 12,6  1,6' × 1,6' S0
UGC 11325  18 40.7 +36° 09' 13,6  2,3' × 0,5' Sb 
NGC 6692  18 41.7 +34° 49'  13,2  1,1' × 0,7' ?
NGC 6695 18 42.7 +40° 24' 13,5 1,1' × 0,7' SBb
UGC 11380 18 56.9 +36° 37' 14p 1,6' × 0,6' Sa-b 
NGC 6700 18 46.0 +32° 17' 13,1 1,5' × 1,0'  ?
NGC 6702 18 47.0 +45° 42' 12,2 1,9' × 1,5'
NGC 6703 18 47.3 +45° 33' 11,3 2,3' × 2,3' E0/S 
NGC 6710 18 50.6 +26° 50' 13,1  1,6' × 0,9' Sa?
NGC 6745 19 01.6 +40° 45' 12,3 1,6' × 0,7' Irr?
NGC 6792  19 21.0  +43° 08' 12,1  2,4' × 1,3' SBb
UGC 11430 19 21.1 +43° 19' 13,3 1,1' × 1,1' Sc


Literatur:

[1] Skiff: The Other Lyra, Deep Sky 27, Sommer 1989 I 
[2] Webb Society Deep-Sky Observer's Handbook, Vol. 6, Anon. Galaxies I 
[3] Burnham' s Celestial Handbook, Vol. 2 
[4] The Observer's Guide, Deep-Sky in Hercules and Lyra 
[5] Cragin, Lucyk, Rappaport: The Deep Sky Field Guide to Uranometria 2000.0